SB: Wie seid ihr die Themenzuteilung angegangen?
SS: Es gab bei Stellenantritt keine Vorgaben. Aufgrund der Reorganisation wurden die Aufgaben definiert und das Volumen der einzelnen Aufgaben bestimmt. Ebenso haben wir die Zuständigkeiten neu geregelt und teils Personen im Team mit neuen Aufgaben betraut. Dies ist in einem längeren Prozess über mehrere Monate und über die Platzierung vieler Post-it’s auf einem grossen Pinboard geschehen. Wir verspürten nicht Druck, dass von Beginn weg schon alles klar sein müsse. Einige Zettel haben wir zwischenzeitlich neu geklebt und diese Justierung ist auch heute noch nicht abgeschlossen.
SB: Viele Job-Tandems berichten, dass sie ein Coaching am Anfang der Zusammenarbeit als sehr wertvoll erachtet haben. Wie seid ihr beim gemeinsamen Start unterstützt worden?
MS: Wir haben ein Team Coaching gemacht und konnten dabei unsere Arbeitsorganisation und insbesondere «was machen wir gemeinsam und wie teilen wir die Aufgaben unter uns auf» spiegeln. Daneben ging es aber auch um ganz alltägliche Sachen wie beispielsweise der Umgang mit Abwesenheitsnotizen. Wir haben das Bewusstsein geschärft, dass kleine Dinge eine grosse Wirkung erzeugen können und dass es gerade in der Kommunikation viel Klarheit braucht.
SS: Das Coaching war ein super Gefäss für die gegenseitige Reflexion. Oft fehlt dafür im Alltag, wenn Abgabetermine anstehen oder wichtige Personalthemen anzugehen sind, die Zeit. Zudem haben wir eine Aufstellung aller Aufgaben gemacht um uns bewusst zu werden, wie wir die Aufgaben priorisieren wollen. Dies hat uns zu viel Transparenz verholfen.
MS: Ein Coaching ist, wie «eine Betriebsanleitung» miteinander zu teilen. So haben wir besprochen, dass wir beide davon ausgehen können, solange wir uns gegenseitig keine Rückmeldung geben, für uns beide alles ok ist.
SB: Welche Herausforderungen habt ihr bisher im Jobsharing erlebt und wie habt ihr sie gemeistert?
MS: Für mich war es anspruchsvoll, in eine bestehende Situation reinzukommen und zu sagen: «jetzt bin ich auch da und ihr dürft – oder müsst – auch zu mir kommen». Sonst bleibt alles bei Samuel und das wäre für Samuel volumenmässig nicht machbar und auch für die Co-Leitung nicht förderlich. Ich musste mich selber finden in der neuen Rolle und auf diesem Weg auch das Team mitnehmen.
SS: Auch ich musste viele Grenzen setzen und Themen, die ich früher alleine bearbeitet hatte, nicht einfach an mich nehmen. Auch mussten wir lernen, uns Zeit zu nehmen für den gegenseitigen Austausch. Diese Zeitfenster setzen wir heute lange im Voraus, da wir sonst kurzfristig keine Zeit finden. Wir haben mindestens einmal pro Woche einen längeren Austausch (90 Minuten) sowie mehrere kurze zwischendurch. Einkommende Anfragen bündeln wir, überlegen uns idealerweise schon ein passendes Vorgehen und besprechen diese in den gemeinsamen Slots. Wir brauchen so insgesamt nicht mehr Zeit für die Beantwortung der Anfragen, aber es braucht mehr Disziplin, um nicht «adhoc» oder unkoordiniert zu handeln.
SB: Pflegt ihr einen gleichen Führungsstil?
MS: Wir haben einen ähnlichen Führungsstil – suchen den Dialog und fördern Partizipation - sind aber der Meinung, dass unser Führungsstil nicht zwingend gleich sein muss. Wichtig ist Authentizität und dass man so bleibt, wie man ist.
SS: Zu strategischen Themen entwickeln wir eine gemeinsame Haltung und führen eine darauf abgestimmte, stringente Kommunikation. Der persönliche Austausch mit den Mitarbeitenden gestalten wir individuell aus und sehen diese Diversität als Chance.
SB: Was passiert im Falle, dass eine/r von beiden nicht mehr will? Es gibt Unternehmen, die vertraglich regeln, wie im Falle eines Austrittes einer Person vorgegangen werden soll. Wie ist das bei euch?
MS: Wir sind diesbezüglich komplett transparent. Wenn ich eine Idee für eine berufliche Weiterentwicklung hätte, würde ich das sofort mit Samuel spiegeln. Wir sind in einer gewissen Verantwortung uns gegenüber. Ich schätze Samuel sehr und würde auch in einer solchen Situation seine Sicht nicht missen wollen. Eine vertragliche Regelung gibt es bei uns jedoch nicht.
SS: Transparenz ist sehr wichtig für uns. Wir haben einen weiten Planungshorizont und da ist wichtig zu wissen, wer wo mit dabei ist.
SB: Welchen Rat würdet ihr anderen Führungskräften geben, die sich für Jobsharing interessieren?
SS: Ich sehe in diesem Führungsmodell sehr viele positive Aspekte. Die gewonnene Flexibilität, die Kombination verschiedener strategischer und operativer Aufgaben, das Sparring oder den konstruktiven Dialog. Wichtig bei all dem ist, dass ein grosses gegenseitiges Vertrauen und eine hohe Diskussionsfähigkeit da ist.
MS: Eine Person, die sich mit Topsharing auseinandersetzt, soll sich überlegen, wie sie als Führungsperson funktioniert und ob sie Verantwortung abgeben, bzw. ob sie gemeinsam Verantwortung übernehmen kann. Wenn diese Vorstellung in die Unternehmenskultur passt, dann rate ich, es unbedingt zu probieren. Und hier schliesst sich der Kreis mit einer Aussage von mir zu Beginn des Gespräches: «ich wäre nie in dieser Position gelandet, wenn mir diese Stelle nicht als Co-Leitung angeboten worden wäre».
Zu den Interviewpartnern
Michèle Schönbächler ist gemeinsam mit Samuel Schmid Co-Leiterin der beiden Radiosender SRF 1 und SRF Musikwelle. Sie ist ausgebildete Juristin (MLaw) und ist seit knapp 24 Jahren bei Schweizer Radio und Fernsehen in diversen Funktionen tätig. Sie lebt mir ihrem Sohn im Kanton Obwalden und lässt sich von Pferden und klassischer Musik begeistern.
Samuel Schmid leitet gemeinsam mit Michèle Schönbächler die beiden Radiosender SRF 1 und SRF Musikwelle im Co-Lead. Er ist nach seinem Publizistikstudium an der Universität Zürich via Privatradio zum damaligen Radio DRS 1 gekommen. Hier hat er in den letzten 14 Jahren vom Redaktor bis zum Sendeleiter regelmässig neue Aufgaben übernommen. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in Zürich.