S: Und was gilt es zu beachten, wenn ein Job-Tandem zusammen startet? Welche Rahmenbedingungen gilt es zu schaffen? Wieviel Einfluss bzw. wieviel Freiraum soll ein Vorgesetzter oder eine Vorgesetzte dem Duo geben?
E: Die Führungspersonen sind sich einig, dass es ihre Aufgabe ist, die Rahmenbedingungen für das Tandem zu schaffen und dem Tandem in der Ausgestaltung der Arbeitsorganisation viel Spielraum und Entscheidungsfreiheit zu lassen. Als Rahmenbedingungen wurden Budget, Umfang sowie die Verantwortlichkeiten der Stelle genannt. Auch besteht Konsens darüber, dass die Führungsperson festlegt, wie die Ziele und die entsprechende Bewertung davon gesetzt werden und wie die Salärstruktur aussieht. Alle Befragten gaben an, dass die Tandempartner:innen individuelle Arbeitsverträge haben. Das Salär fiel in den meisten Fällen für beide Personen im Jobsharing gleich aus. Unterschiede ergaben sich nur in Fällen, in denen eine Person über deutlich mehr Berufserfahrung in einer vergleichbaren Position verfügte als ihr:e Partner:in.
Statement aus Interview 11: «Stelle sicher, dass alles von Anfang an geklärt ist. Definiere die Regeln, bringe zum Ausdruck, was die Erwartungen sind und wieviel Unterstützung sie von dir erwarten können.»
Statement aus Interview 5: «Sie haben mich informiert, wie sie die Mitarbeitergespräche, Arbeitsaufteilung, etc. machen wollen. In den meisten Fällen war ich gleicher Meinung. Ich habe einige Inputs eingebracht, die eigentliche Organisation haben die beiden Teamleiterinnen aber selbst definiert.»
Statement aus Interview 11: «Bei der Bewertung am Ende des Jahres habe ich ihnen genau dieselbe Bewertung gegeben, Copy/Paste – darüber gab es für mich keine Diskussion.»
Statement aus Interview 1: «Sie haben – abgesehen von einem individuellen Entwicklungsziel – eine gemeinsame Bewertung. Das heisst, ich setze bei beiden den exakt gleichen Wert in den Bewertungsraster ein. Das Feedbackgespräch führe ich mit beiden gleichzeitig, mit voller Transparenz.»
S: Das Führungsverständnis verändert sich im Wandel der Zeit. In der Publikation «Leadership der Zukunft» werden 4 Tendenzen der modernen Führung beschrieben: kollektive Entscheidungsfindung, Netzwerkbildung, Autonomie und geteilte Verantwortung. Erkennst du Parallelen zur Führung im Jobsharing?
E: Im Theorieteil der Arbeit habe ich Elemente der traditionellen und der modernen Führung gegenübergestellt. Aus den Interviews geht hervor, dass Aspekte, welche bei der Führung eines Job-Tandems als zentral erachtet werden, auch in modernen Führungstheorien beschrieben werden. Beispielsweise eine transparente Kommunikation, die Offenheit gegenüber Veränderung oder eine Vertrauenskultur begünstigt die Einführung von Jobsharing. Eine Führungskultur, die auf das «miteinander anstatt gegeneinander» setzt oder eine Unternehmenskultur, die Mitarbeitende motiviert, Eigenverantwortung zu übernehmen, Neues auszuprobieren und eine aktive Fehlerkultur lebt, schafft einen idealen Rahmen, damit ein neues Führungsmodell eingeführt und auch akzeptiert werden kann. Die gelebte Kultur beeinflusst, wie stark eine Führungskraft die Arbeit im Jobsharing innerhalb der eigenen Organisation verteidigen muss. Andererseits kann sich ein erfolgreiches Tandem sehr positiv auf die zukünftige kulturelle Entwicklung eines Unternehmens auswirken und einen Wandel beschleunigen.
Statement aus Interview 9: «Ich würde sagen, unser Führungsverständnis basiert auf Kooperation»
Statement aus Interview 2: «Wir haben eine Vertrauenskultur. Ebenso ist es akzeptiert, wenn man Fehler macht. Wir sprechen Fehler an, beheben diese und schauen, wie wir davon lernen können.»
Statement aus Interview 3: «Als Führungskraft muss man ihnen erlauben, ihre eigenen Lösungen zu finden.»
S: Wir werden immer wieder gefragt, ob die Führung eines Jobsharing-Duos nicht zusätzlich Aufwand bedeutet. Was ist Dein Fazit aus den Interviews?
E: Die Mehrheit der befragten Personen haben bestätigt, dass das Engagement der Führungskräfte zu Beginn höher war, jedoch mit der Zeit abnahm. Einige Vorgesetzten hatten für die ersten rund sechs Monate regelmässige, teils wöchentliche Check-Ins organisiert. Es überwiegt die Meinung, dass sich ein Tandem nach rund einem Jahr gut eingespielt haben sollte. Dies ist wichtig, da sich die meisten Führungskräfte nicht gewillt zeigen, über längere Zeit einen Mehraufwand für ein Tandem zu übernehmen.
Statement aus Interview 13: «Der Management-Aufwand ist am Anfang höher. Ich denke aber nicht, dass ich eine höhere Arbeitsbelastung habe, seit sie ein eingespieltes Tandem sind.»
Statement aus Interview 5: «Der einzige Unterschied besteht in meiner Wahrnehmung darin, dass die Lernkurve viel steiler ist als bei anderen, die alleine arbeiten. […]. Ich denke, alles andere unterscheidet sich nicht im Vergleich zur Führung einer Einzelperson.»
Spannend finde ich auch folgende Erkenntnis: Ist Job- und Topsharing in einem Unternehmen bereits etabliert und akzeptiert, nimmt der organisatorische Aufwand der Führungskräfte erheblich ab. Dies, weil weniger Zeit in Aufklärungsarbeit für das Modell generell investiert werden muss. Die interviewten Führungskräfte schlagen deshalb vor, in der internen Kommunikation von ihren Erfahrungen zu berichten, sich als Anlaufstelle für neue Tandems anzubieten oder Informationen zum Thema im Intranet zu verbreiten.
S: Basierend auf Deinen Studienergebnissen: Welche Tipps würdest Du Führungskräften geben, die neu ein Tandem führen?
E: Viele Führungspersonen haben im Interview geäussert, dass eine neu im Jobsharing gestaltete Position wie jede andere Stelle gewichtet werden sollte. Ansonsten besteht das Risiko, dass der ohnehin bestehende Erwartungsdruck an das neue Arbeitsmodell noch zusätzlich erhöht wird. Auch der Aspekt der «Gleichbehandlung» wurde mehrmals genannt. Einerseits sei es wichtig, dass das Tandem nicht mehr oder weniger Aufmerksamkeit als andere Mitarbeitende bekomme, andererseits sei es tandemintern entscheidend, dass beide Partner:innen gleiche Wertschätzung erleben. Es scheint, eine offene und ehrliche Kommunikation sei das A und O eines erfolgreichen Tandems. Erwartungen, Ansprüche, Probleme und Optimierungsvorschläge müssen kontinuierlich reflektiert und besprochen werden, damit sich das Tandem laufend weiterentwickeln kann.
Statement aus Interview 1: «Ich würde sagen, es ist wichtig, für ein Job-Tandem keine Ausnahmen zu machen. Es macht nicht wirklich einen Unterschied, eine Einzelperson oder ein Duo zu führen... »
Statement aus Interview 10: «Wie so oft, liegt der Grund für das Scheitern in der mangelhaften Kommunikation.»
Statement aus Interview 11: «Ich führe das Job-Tandem im Vergleich zu anderen Personen nicht anders.»
S: Dein Schlussrésumé?
E: Der generelle Konsens der Expert:innen ist, dass Job- und Topsharing sowohl für Mitarbeitende und Vorgesetzte wie auch für Unternehmen generell eine grosse Chance darstellen und viele Vorteile mit sich bringen.
Statement aus Interview 10: «Der grösste Vorteil ist, dass sie ihre Stärken gegenseitig gut Nutzen können. So können Synergien gebildet werden, was sehr wertvoll ist.»
Statement aus Interview 12: «Eine einzelne Person kann nicht dauerhaft eine so hohe Qualität liefern. Zusammen sehen sie mehr und berücksichtigen einen breiteren Blickwinkel.»
Die Führungskräfte sind sich einig, dass das Führen eines Tandems bis auf wenige Einzelheiten nicht wesentlich von der Führung einer Einzelperson abweicht. Die Mehrheit der Führungskräfte zeigte eine hohe Anerkennung für Job- und Topsharing und eine grosse Bereitschaft, das Modell weiter zu fördern. Dazu passt diese Aussage einer Führungskraft, die dem Modell auf einer Skala von 1 bis 10 eine 12 geben würde.
S: Das ist doch ein schönes Schlussstatement, welches ich gerne mit dem Appell an alle Führungskräfte ergänze: Geht mutig voran und wagt es, Neues auszuprobieren. Es lohnt sich!
Zur Interviewpartnerin:
Emily Ming ist Studentin an der HSG (Management und Unternehmensführung) und verfasste diese Studie im Rahmen ihrer Masterarbeit bei Prof. Dr. Jamie Gloor. Vor ihrem Masterstudium absolvierte sie während zwei Jahren Praktika im Bereich Consulting, wo sie sich auf die Bereiche Strategie und Unternehmensentwicklung fokussierte. Diesen Schwerpunkt verfolgte sie auch in ihrem Masterstudium, wobei sie sich in Nebenfächern mit den Themen Nachhaltigkeit und Gleichstellung beschäftigte. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit Freunden, besucht Musikveranstaltungen und engagiert sich im Tierschutz.