Bildquelle: Olivier Rüegsegger/Spitex Schweiz
Marianne Pfister und Cornelis Kooijman teilen sich seit September 2022 die Leitung der Spitex Schweiz, welche als Dachverband der Spitex Kantonalverbände und weitere Organisationen für professionelle Pflege und Unterstützung zu Hause agiert. Zuvor waren beide bereits in der Organisation tätig, Marianne gut 7 Jahre als Geschäftsführerin, Cornelis ebenso lange als Leiter Grundlagen & Entwicklung und stellvertretender Geschäftsführer.
Stephanie Briner: Wieso habt ihr euch für eine Co-Leitung entschieden und nicht das Modell «Geschäftsführung und stv. Geschäftsführung» beibehalten?
Cornelis Kooijman: Der Wechsel in die Co-Geschäftsführung war ein Prozess, welcher sich über eine längere Zeit hinweg entwickelt hat und wir rund eineinhalb Jahre zuvor angestossen hatten. Wir sind damals nicht mit der Idee einer Co-Geschäftsführung in diesen Prozess gestartet, sondern haben uns leiten lassen von der Frage: «wie sehen wir unsere Rollen und wie sehen wir die Geschäftsführung von diesem Verband in Zukunft?». Das Modell Co-Geschäftsführung hat sich daraus ergeben. Wir haben sozusagen einen grossen Weg zurückgelegt, um am Schluss zu einer simplen Lösung zu gelangen.
Ich war als stellvertretender Geschäftsführer bereits Sparringpartner von Marianne und dachte, der Schritt in die Co-Leitung sei ein mehrheitlich formeller Schritt. Jetzt, wo wir die Co-Leitung leben, realisiere ich, dass es doch etwas anderes ist, Co-Leiter und eben nicht stellvertretender Leiter zu sein. Ich habe eine andere Rolle inne und werde sowohl von Mitarbeitenden wie auch von Aussen anders wahrgenommen.
Marianne Pfister: In der Rolle der Geschäftsführung von Spitex Schweiz verantwortet man eine unglaubliche Breite an Themen. Bei all diesen Aufgaben, die eine Vielzahl an Entscheidungen fordern, bleibt oft keine Zeit, um übergeordnet, strategisch zu denken. Diese Problematik hat mich immer wieder beschäftigt.
SB: Euer Ziel war es, mehr Zeit und Raum zu bekommen, um euch strategischen Fragestellungen zu widmen. Was hat dazu geführt, dass ihr heute mehr Freiräume für eben diese Themen habt?
MP: Wir haben einerseits systematisch die Bereiche unter uns aufgeteilt. Cornelis ist für HR, Finanzen, Grundlagen und Entwicklung sowie die Gebiete Romandie und Tessin zuständig. Ich bin zuständig für die Bereiche Politik, Kommunikation, Verbandsführung und Deutschschweiz. Dies natürlich in enger Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung und unseren Fachpersonen. Andererseits haben wir den Ansatz der agilen Führung konsequent ausgebaut. Wir verstehen darunter, die Mitarbeitenden darin zu bestärken, selber mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen.
Dies hat mich zeitlich und thematisch stark entlastet. Im ersten halben Jahr war das noch nicht der Fall. Ich habe oft überlegt: «denkt er jetzt an dies oder das?» und konnte noch nicht richtig loslassen. Ich musste diesbezüglich einen eigenen Prozess durchlaufen und lernen, Verantwortung abzugeben. Jetzt – nach einem dreiviertel Jahr – ist das weg. Ich konnte wirklich abgeben und der Kopf ist nun viel freier.
CK: Ein Topsharing, wie wir das leben, kann nicht nur isoliert auf unsere Funktion betrachtet werden. Ein solches Modell bringt die ganze Organisation in Bewegung.
SB: Was sind aus eurer Perspektive die entscheidenden Faktoren, damit die Umstellung von einer Einzelleitung zur Co-Leitung gelingt?
CK: Wir haben für uns das Bild kreiert von zwei parallel den Berg hochfahrenden Gondeln. Den Übergang vom Modell «Einzelleitung» in das Modell «Co-Leitung» verstehen wir nicht als Transformation, bei welcher Marianne Macht abgibt und ich mehr Verantwortung übernehme und wo wir uns – sie von oben ich von unten kommend – in der Mitte treffen. Sondern wir sehen die Co-Leitung als Modell, bei welchem wir beide eine neue Rolle übernehmen und uns beide parallel in eine neue Richtung entwickeln. Dieses Bild hat uns geholfen, unsere neue Rolle zu finden.
SB: Wie haben die Mitarbeitenden und externe Anspruchsgruppen reagiert?
CK: Wir haben durchwegs positive Reaktionen erhalten. Wir wurden schon vor der Co-Leitung als gutes Team wahrgenommen und man hat uns zugetraut, dass wir eine Zusammenarbeit pflegen, die in der Co-Leitung funktioniert. Eine Zusammenarbeit basierend auf Transparenz, Vertrauen und Ehrlichkeit. Marianne war auch als meine Vorgesetzte schon immer kritikfähig. Das hat mir das Vertrauen gegeben, in diese Rolle hineinwachsen zu können, im Wissen, dass wir uns gegenseitig auch kritisieren dürfen. Wir hatten eine gute gemeinsame Basis, welche durch den Prozess noch gestärkt wurde. Eine Co-Leitung kann nur funktionieren, wenn man ehrlich zueinander ist und sich akzeptiert.
SB: Gab es auch Momente, wo eure Co-Leitung von anderen Personen nicht akzeptiert wurde?
MP: Ich war bis anhin der Kopf der Spitex Schweiz. Es brauchte eine Weile, bis die Aussenwelt uns als Co-Leitung wahrgenommen hat. Da war auch ein bewusstes Zurückstehen von mir nötig. Auch haben mich einige Personen gefragt, ob ich degradiert worden sei und was mich bewogen habe, die Leitungsrolle abzugeben.
CK: Für uns ist es selbstverständlich, dass Verantwortung geteilt werden kann und dass die geteilte Verantwortung nicht einem Machtverlust gleichkommt. Wir haben uns im ganzen Prozess nie überlegt, dass dies als Abstieg wahrgenommen werden könnte. Ich wurde mal gefragt, ob ich «am Drängeln» sei und unbedingt Mariannes Position möchte. Uns hat dies aufgezeigt, wie fremd das Thema Co-Leitung vielen Menschen noch ist.
MP: Und wir thematisieren zudem, wer welche Art von Verantwortung wahrnimmt. Beispielsweise bedeutet eine Bogenkarriere für mich nicht, mit zunehmendem Alter weniger Verantwortung wahrzunehmen. Oft ist die Verantwortung eine andere und verschiebt sich mehr auf die strategische Ebene. Wenn jemand beispielsweise ein Präsidium übernimmt, ist diese Person zwar vom hektischen, operativen Tagesgeschäft entlastet, trägt aber dennoch eine grosse Verantwortung.